06.02.2006 | Theater
Autorenporträt: Jewgeni Schwarz
„ … und es wird beschlossen, daß alle sehr glücklich werden sollen …" Jewgeni Schwarz, am 21.10.1896 in Kasan geboren / aufgewachsen im nördlichen Kaukasus / bis zur Revolution Jurastudium in Moskau und Rostow / Mitglied einer Amateur-Theatergruppe, Gelegenheitsjobs / ab 1922 redaktionelle Arbeit für Zeitschriften, mit Daniil Charms Kinderbuchlektor im Staatsverlag OGIS. / 1930 Theaterdramaturg, dann freier Schriftsteller / ab 1931 Zusammenarbeit mit dem Regisseur Nikolai Akimow, der fast alle Schwarz-Stücke am „Teatr komedii" uraufführt. / 1938 erster größerer Bühnenerfolg mit der Schneekönigin, / kriegsdienstuntauglich. / 1941 Blockade in Leningrad, im Dezember 1941 Evakuierung nach Kirow. / „Teatr Komedii" wird in fünf Douglasflugzeugen nach Tadschikistan ausgeflogen. / Keine Spielerlaubnis für Geschichte einer jungen Ehe. Wiederaufnahme der Arbeit am Drachen. / 1944 Gastspiel in Moskau. Nach zwei öffenlichen Geneneralproben wird der Drachen verboten. / in den Nachkriegsjahren veschärfte Zensurpraxis. Kaum Wirkungsmöglichkeiten für die Märchenstücke. / Ab 1949 Tagebuchaufzeichnungen, die posthum als Memoiren veröffentlicht werden. / Arbeit am Don Quichote . / Lebt in Komarowo bei Leningrad, wo er nach langer Krankheit am 15.1.1958 stirbt. / Schwarz schrieb ungefähr 30 Theaterstücke. „… Jewgeni Schwarz war ein Märchenerzähler, der es fertig brachte, uns durch alle Zauberlabyrinthe zu führen und mit der Nase auf das wirkliche Leben zu stoßen. Er liebte das Leben im Märchen und das Märchen im Leben … Schwarz ging in stolzer Haltung, mit vorgeschobenem Bauch, auf dem Kopf eine Leinenmütze (die er sogar beim Schwimmen aufbehielt).\\\" (Dmitiri Moldawski) Theatermärchen, Übersetzungen und Aufführungsdaten: Der nackte König (Golyi korol) 1934 Stück in 2 Akten, (3 D, 5 H, kleine Rollen) – Übersetzung Günter Jäniche, DEA 1969 Frankfurt/Oder Schwarz schlug vor, Andersens Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse", „Der Schweinehirt" und „Des Kaisers neue Kleider" in freier Wiedergabe zusammenzufassen, und schrieb kurz darauf jenes bezaubernde Werk, das die Zuschauer fast dreißig Jahre später auf der Bühne des Sowremennik-Theaters kennenlernten. Das bissige Märchen um einen König, der sich ein kunstvoll gewebtes Nichts um den dicken Leib schlingt und nackt vor sein ungläubig glotzendes Volk tritt, wurde noch während der Probenarbeit 1934 „aus nicht näher bezeichneten Gründen” verboten. Kein Wunder, denn im Land dieses größenwahnsinnigen Monarchen treiben durchgedrehte Hofschranzen, Schleimer und militante Fräulein ihr irrwitziges Spiel. Auch bei Schwarz spricht ein Kind endlich die Wahrheit aus und bringt damit ein System zum Einsturz. Als Schwarz den Nackten König schrieb, kannte er Chaplins „Der große Diktator” selbstverständlich nicht. (Nikolai Akimow) Zar Wasserwirbel (Car’ Vodokrut) 1935 Märchen in 3 Akten, (2 D, 4 H, 3 Tiergestalten) – Übersetzung Hans Bergmann, EA 1963 Theater der Jungen Welt, Leipzig – Übersetzung Günter Jäniche, EA 1971 Theater der Freundschaft, Berlin Zar Wasserwirbel hat die Piroggenbäckerin Marja gekidnappt, um auch im nassen Element keinen Leckerbissen zu missen. Marjas Sohn Wanja und ein entlassener Soldat scheuen keine Mühe, die Macht des Zaren buchstäblich auszutrocknen. Mit Hilfe der entzückenden Prinzessin mit den grünen Zöpfen wird seine Niedrigkeit gezwungen, Marja herauszugeben. Doch die hat ihr Gedächtnis verloren, und Wasserwirbel hockt im Brunnen und sinnt auf Rache. Rotkäppchen (Krasnaja sapocka) 1936 – 37 Märchen in drei Akten, (3 D, 1 H, 5 Tiergestalten, kleine Rollen) – Übersetzung Alice Wagner, EA 1951 Theater der Freundschaft, Berlin – Übersetzung Günter Jäniche, EA 1975 Prenzlau – Übersetzung Rainer Kirsch, EA 1991 Der Wolf haßt Rotkäppchen, dieses widerliche, dürre Ding, das den Bestimmer im Wald markieren will. Er schleift seine Zähne, kämmt sich eine Hundefrisur und ist bereit zum letzten Fressen. Rotkäppchen kennt das alte Vieh und bewaffnet sich mit Niespulver und Feuerzeug. Alle Waldbewohner sind an dem lebensgefährlichen Kampf beteiligt. Rotkäppchens Freund, der ehemalige Angsthase, wird zum Kampfhasen, und wer schließlich auf die Schnauze fällt, ist der schlaue Fuchs, der sich beiden Seiten angedient hat. Die Schneekönigin (Sneznaja koroleva) 1938 Märchenspiel in 4 Akten nach Motiven von Hans Christian Andersen, (6 D, 6 H, 3 Tiergestalten) – Übersetzung Peter Petersen, EA 1946 im Landestheater Mark Brandenburg – Übersetzung Gerda Zschiedrich, EA 1975 Plauen Der Kuß der Schneekönigin verwandelt Kais Herz in einen Eiszapfen. Eines Tages springt er auf einen Schlitten und verschwindet. Gerda macht sich mit dem Märchenerzähler auf einen gefahrvollen Weg in den hohen Norden, um ihren verzauberten Freund aus dem kalten Schloß zu befreien. Sie begegnet großzügigen Königskindern und dem heimtückischen König, einem brutalen Räubermädchen, das keine Tränen sehen kann, einem sprechenden Rentier und immer wieder dem eiskalten Kommerzienrat, der als Spießgeselle der Schneekönigin vor nichts zurückschreckt. Ein unsterbliches Märchen. Der Schatten (Ten) 1940 Märchen in drei Akten, (3 D, 11 H, kleine Rollen) – Übersetzung Ina Tinzmann und Paul Mochmann, EA 1947 Deutsches Theater, Berlin – Übersetzung Regine Kühn, EA 1985 Brandenburg „… Ein Schauspiel aber hatte im Herbst 1947 in den … Kammerspielen des Deutschen Theaters ganz außerordentlicheen Erfolg: Der Schatten von Jewgenij Schwarz. Gewiß war die von Gustaf Gründgens inszenierte Aufführung ungewöhnlich reizvoll: ein Spiel der Farben und geheimnisvollen Klänge, bizarre Pantomimik … Komik und Grauen in manchmal fast unerträglicher Nachbarschaft. Aber die Regieleistung stand – durchaus diszipliniert und adäquat – nicht im Vordergrund …\\\" (Hans Mayer) In einem wundersamen Land, in dem alles so vertraut und doch märchenhaft verrückt erscheint, sucht der Dichter Hans Christian die Liebe zur Prinzessin. Sein eigener Schatten wird ihm dabei zum Verhängnis, denn nur der versteht es, hinter die Strukturen der Macht zu schauen und sich ihrer schamlos zu bedienen. Und weil ihn sein einstiger Herr stört, läßt er ihn köpfen. Unangenehm freilich, daß der Schatten bei dieser Gelegenheit gleichfalls den Kopf verliert. „Weiß Gott, wie dir das gelungen ist, aber dein „Schatten” spricht nicht nur wie ein Schatten, sondern denkt auch so. Seine Worte sind Schatten von Worten, seine Gedanken Schatten von Gedanken.\\\" (Wenjamin Kawerin) Der Drache (Drakon) 1940 – 43 Märchenkomödie in 3 Akten, (4 D, 10 H, kleine Rollen) – Übersetzung Günter Jäniche, EA der Bühnenfassung von Benno Besson und Hartmut Lange 1965 im Deutschen Theater Berlin – (außerdem liegt Günter Jäniches Übersetzung der Originalfassung im Verlag vor) – Bearbeitung Soeren Voima, EA 1997 Maxim Gorki Theater, Berlin „… überall bietet sich der Anblick einer Gesellschaft, die weitgehend verderbt ist, nicht frei sein möchte, daran gewöhnt ist, im Hause des Mordes und des Verrates gemächlich sich einzurichten … Der Drache muß warten, bis Stalin stirbt, in den gläsernen Sarg gelegt wird, aus dem man ihn dann wieder entfernt …\\\" (Hans Mayer) Lanzelot, der professionelle Held, will die Drachenstadt vom Ungetüm befreien, doch er stößt auf offenkundiges Desinteresse bei den Stadtoberen, das in offene Feindseligkeit umschlägt, als er den Drachen wirklich besiegt. Die offene Diktatur des Drachen wird umgemünzt in eine verdeckte Ausbeutung des Volkes, bis Lanzelot wiederkehrt und seine Liebste vor einer erzwungenen Heirat mit dem Bürgermeister rettet. Die legendäre Inszenierung durch Benno Besson am Deutschen Theater Berlin (1965) erlebte 500 Vorstellungen. Seitdem ist Dra Dra beliebt auf Spielplänen, denn Drachen gibt es immer wieder. Aschenbrödel (Zoluska) 1946 Märchenspiel in 2 Akten (5 D, 8 H, kleine Rollen) Bühnenfassung nach dem gleichnamigen Filmszenarium – Übersetzung von Günter Jäniche, EA 1972 Leipzig In dieser verspielten Grimm-Adaption haben alle einen liebenswürdigen Tick. Voran der Märchenkönig, der die verzweifelt poetische Verliebtheit seines Sohnes so aufgeregt unterstützt, daß er gleich eine Armee auf den goldenen Schuh jagt. Und virtuelle Zauberwelten inszeniert er, um das Traumpaar Aschenbrödel-Prinz aus der Märchenrealität wegzubeamen. Stiefmutter und Schwestern wollen rasend gerne Karriere machen, und bei Licht betrachtet sind sie schlechtweg Mitmenschen. Die verzauberten Brüder (Dva klena) 1953 Märchenspiel in 3 Akten, (2 D, 3 H, 3 Tiergestalten) – Übersezung Luisrose Trepte, EA 1955 Theater der Freundschaft, Berlin – Übersetzung Günter Jäniche, EA 1971 Magdeburg – Übersetzung Rainer Kirsch Die Hexe Baba-Jaga hat wunderbar schlechte Eigenschaften. Sie ist raffgierig, selbstverliebt und eifersüchtig. Außerdem lebt sie im berühmten russischen Hexenhaus, das auf Hühnerfüßen umherstolziert. Die gute Wassilissa will ihre Söhne aus der Hexengewalt befreien. Auf der Suche nach den beiden trifft sie nicht nur die von Baba-Jaga schikanierten Geschöpfe Hund, Katze, Bär, sondern auch ihren kleinsten Sohn Iwanuschka, der im finsteren Wald laut pfeifend den Helden mimt. Gemeinsam gelingt es ihnen, die in Ahornbäume verzauberten Brüder zu erlösen. Das gewöhnliche Wunder (Obyknovennoe cudo) 1954 Ein Märchen in 3 Akten, (5 D, 9 H) - Übersetzung von Günter Jäniche, Erstaufführung 1966 Magdeburg Ein übermütiger Zauberer hat einen Bären in einen jungen Mann verwandelt, und der wird wieder zum Tier, wenn ihn jemals ein Mädchen küßt. Da erblüht seine Liebe zur Prinzessin, die nicht versteht, warum der Bär-Mensch flieht. Auf ihrer dramatischen Jagd vor- und umeinander taucht ein altes Ehepaar auf, das sich liebt wie am ersten Tag. Zwei Leute finden sich, die seit Jahrzehnten aufeinander warteten, und der Bär bleibt ein Mensch trotz Kuß. Wunder über Wunder und „dem Es-war-einmal gesellt sich das Ach-wärs-doch-so hinzu”. (Ernst Schumacher) Eins der schönsten Liebesmärchen für Kinder und Erwachsene. „… Ich habe es miterlebt, wie er gegen Ende der vierziger Jahre unter Qualen nach einem eigenen Stil suchte. Damals war er schon über fünfzig, dennoch hockte er wie ein literarischer Anfänger stundenlang bei jeder Seite, jeder Zeile …" (Leonid Pantelejew) Don Quijote (Don Kichot) 1956 Filmszenarium, (1957 verfilmt von Grigori Kosinzew) (mind. 5 D, 6 H, kleine Rollen (Besetzung variabel)) – Übersetzung von Günter Jäniche, DEA 1983 Karl-Marx-Stadt Mit unerschüttelichem Glauben zieht dieser Ritter von der traurigen Gestalt immer wieder in den Kampf gegen jegliches Unrecht. Er ist so von seiner Mission überzeugt, daß ihn Demütigungen und brutaler Spott nicht verletzen. Hidalgo Alonso ist jenseits der Schmerzgrenze. Er weiß, daß alle Gemeinheiten seiner Mitmenschen nur bemitleidenswerte Verirrungen sind. Und niemand, weder Freund noch Feind, der ihn in Ruhe seine Heldentaten vollbringen läßt. Eine schmerzlich komische Dramatisierung, und eine Herausforderung fürs Theater. Don Quijote: Eure Vernunft ist mörderischer als meine Torheit. zudem: Geschichte einer jungen Ehe (Povest’ o molodych suprugach) 1943 Komödie in 3 Akten (5 D, 9 H) – Übersetzung Willi Segler, Erstaufführung 1959 Greiz ......................... „… Verschwenderisch greift Schwarz in die Requisitenkammer der Märchenmotive. Da wird gezaubert, vermag man Tote durch Lebenswasser wieder ins Leben zurück zu holen, wird man unsichtbar durch Tarnkappen und fährt man durch die Lüfte auf dem fliegenden Teppich. … Nur eins fehlt durchaus: die Naivität der alten Märchen. Dies ist keine naive, sondern eine durch Bewußtsein gebrochene Märchendichtung.\\\" (Hans Mayer) Die Aufführungsrechte aller Stücke von Jewgeni Schwarz liegen exklusiv bei henschel SCHAUSPIEL.