O der du alles bedenkst, Tiresias
Radeke ist Dozent an einem Institut, der Filmhochschule Babelsberg nicht unähnlich. Er ist ein beliebter Dozent. Chaotisch, eigensinnig, kreativ. Sein Lehrer Lipowski hat Radeke an das Institut geholt, an dem er selbst noch immer arbeitet. Nun, viele Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, wird der von allen verehrte Professor als IM geoutet und suspendiert. Die Studenten fallen von ihm ab, und Radeke soll sich klar positionieren. Er sucht einstige Kommilitonen auf, andere Freunde, Studenten. Und natürlich Lipowski. Er kann nicht glauben, daß sein bester Freund – aber der Freund ist geständig. Müde, enttäuscht, froh, daß endlich die Bombe geplatzt ist. Ja, er hat mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet. Er hat sich damals vor die Studenten gestellt, die sich alle um Kopf und Kragen geredet hätten, wenn er den Organen nicht dummen Übermut und jugendlichen Kampfgeist im Sinne des Systems immer wieder bescheinigt hätte. Radeke will nicht akzeptieren, daß Lipowski eine Art Märtyrer war. Ein Seiltänzer zum Schutze seines ungebrochenen Oppositionsgebarens in den stumpfen siebziger Jahren. Für ihn ist nicht der Fakt der IM-Tätigkeit schrecklich, mehr, daß sein damaliges Denken so lächerlich gemacht wurde. Lebensgeschichten werden angerissen. Verletzungen geschehen, die nie für möglich gehalten worden waren. Radeke schmeißt seine Dozentur hin, und zum Schluß ist Lipowski tot. Hat nicht ausgehalten, was er scheinbar so souverän erst betrieb, dann verheimlichte und schließlich verlachen wollte.

Mit Martin Reinke, Hilmar Thate, Ernst Jacobi, Reiner Heise, Hilmar Eichhorn, André Szymanski, Cornelia Lippert u.a.
Musik Jürgen Ecke
Hörspiel
URSENDUNG
MDR 2002
R: Götz Fritsch
57:37 min