Mauser
2017
Bild zum Werk Bild: Konrad Ferster/Residenztheater
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Regie + Bühne + Musik Oliver Frljić
Kostüme Sandra Dekanić
Dramaturgie Marija Karaklajić \+ Sebastian Huber

Spielstätte Marstall


Notizen zu „Mauser“
von Oliver Frljić

Wofür sind wir bereit zu töten? Oder besser, wofür sind wir bereit zu sterben? Beide Fragen sind in Heiner Müllers „Mauser“ so präsent, wie sie in der gegenwärtigen westeuropäischen Gesellschaft abwesend sind. Es ist nicht zulässig, über Gewalt als Mittel zur Veränderung der sozialen Verhältnisse nachzudenken, unterdessen ist die Gewalt das wesentliche Instrument zur Aufrechterhaltung der bestehenden sozialen Ordnung. Wir verurteilen die „subjektive Gewalt“ des islamischen Fundamentalismus, bedienen uns aber jener Gewalt, die mit der kapitalistischen Ordnung einhergeht. Die Schlussepisode der vierten Staffel von „House of Cards“ findet einen gültigen Ausdruck für den Zynismus der westlichen neoliberalen Demokratien in einer Szene, in der Claire Underwood mit Yusuf al Ahmadi spricht, dem Kopf der radikal-islamistischen Gruppierung ICO.
Claire: Dabei sind sie gut gebildet, Yusuf. Und sie interessiert weder der Islam noch das Kalifat. Das benutzen Sie nur, um Kämpfer zu radikalisieren.
Yusuf: Genau wie Sie Demokratie und Freiheit.
Claire: Na also, dann verstehen wir uns ja.
In einer Welt, die Francis Fukuyamas Behauptung vom Triumph der liberalen Demokratie und vom „Ende der Geschichte“ akzeptiert hat, scheint „das Gespenst“ in Europa nicht mehr umzugehen oder es hat sein ideologisches Wesen radikal verändert.
Wie soll man also Heiner Müllers „Mauser“ auf die Bühne bringen in einer Welt, die verlernt hat, radikal über Alternativen zur bestehenden Ordnung nachzudenken?
Nächstes Jahr sollten wir den hundertsten Geburtstag der Oktoberrevolution begehen. Ich sage „wir sollten“, weil ich nicht daran glaube, dass Good Old Europe dieses Jubiläum so feiern wird, wie es der hundert Jahre Erster Weltkrieg gedacht hat. Eine ganze Reihe europäischer Erklärungen und Resolutionen, in denen die Verbrechen kommunistischer Regierungen verurteilt wurden, diente dem Zweck, die Idee der Linken zu disqualifizieren – das Nachdenken über soziale Gleichheit und über die Emanzipation der arbeitenden Klasse.
Müller schreibt:
Der Mensch ist etwas, in das man hineinschießt
Bis der Mensch aufsteht aus den Trümmern des Menschen.
Heute schießen wir in den Mensch hinein, um die Ausbeutung und die Erniedrigung aufrecht zu erhalten, die Teil unseres Menschenbilds geworden sind.
Wenn ich an den Zweifel des Revolutionärs in Müllers „Mauser“ denke, der „Platz nahm zwischen Finger und Abzug“ muss ich ihn der Überzeugtheit des St. Just in Büchners „Dantons Tod“ gegenüberstellen:
St. Just: Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen als die physische? Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben?
In einem Gespräch mit Horst Laube 1976 sagte Heiner Müller: „Ich glaube es gibt einen Konflikt innerhalb unseres Publikums zwischen den Interessen und den Bedürfnissen. Was die Leute interessiert, ist nicht das, was sie brauchen; und was sie brauchen, interessiert sie nicht. Man muss wirklich nach Wegen suchen, das zu machen, was sie brauchen, auch wenn sie es ablehnen.“
Das Theater sollte nicht die Wirklichkeit reproduzieren – leider tut es das zu oft. Der tödliche Fehler jedes theatralischen Realismus' ist der Irrtum, die Realität außerhalb des Theaters ließe sich – mehr oder weniger gut – auf der Bühne reproduzieren. „Das Einzige, was Kunst erreichen kann, ist eine Sehnsucht zu wecken nach einem anderen Zustand der Welt.“
Das Theater kann uns daran erinnern, dass unsere Welt nicht die beste aller möglichen ist. Es scheint, als hätten wir das vergessen.
Theater
PREMIERE
27.04.2017   Residenztheater München
R: Oliver Frljić