Anna Karenina oder Arme Leute
2019
Am 15.09.2019 feierte der Regisseur und Autor Oliver Frljic Premiere mit "Anna Karenina oder Arme Leute" nach Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski am Maxim Gorki Theater.

"Zwei Geschichten über die Liebe unter dem Druck der Verhältnisse: In Anna Karenina widmet sich Lew Tolstoi Ende der 1870er Jahre den tektonischen Verwerfungen, die unter der zuckerigen Oberfläche des Reichtums unermüdlich arbeiten. Annas Geschichte ist auch die des heutigen Westeuropa, einer Gesellschaft, die ahnt, dass sich etwas ändern wird, aber nicht weiß, wie das Neue aussehen wird. Dostojewskijs Roman Arme Leute dagegen ist »nur« ein Bündel Briefe – Reste der Beziehung zwischen Makar und Wawara, eines Paars ohne Zukunft. Die Liebe, so Dostojewskijs bittere Erkenntnis, können sie sich nicht leisten. Oliver Frljić eröffnet die große Bühne des Gorki mit einem doppelgleisigen Abend, der die zwei großen Romanciers aufeinandertreffen lässt." (Maxim Gorki Theater)


Die Presse schreibt:

Die literarisch so sauber getrennten Sphären krachen gegeneinander, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.9.2019). "Der Klassenkampf wird nicht nur als Kulturrevolution ausgetragen, aber auch als Befreiungsschlacht der Frauen. Es knallen Schüsse, und es bleiben nicht viele Figuren übrig." Frljic lasse dramaturgisch nichts anbrennen. "Die Adeligen tragen goldene Anzüge und Reifrockroben und latschen auf Brotlaiben herum, auf die sich die ausgehungerten und abgerissenen Unterschichtler stürzen." Wenn wir uns bei Tolstoi befinden, wird ein Flügel aus dem Schnürboden gelassen, und Daniel Regenberg spielt Schubert. Wenn die "Armen Leute" zugange sind, höre man ein unheilvolles Ticken. "Am ehesten funktionieren die Eheszenen, weil sich allein durch die Anwesenheit des Kinderdarstellers zwingende Spielsituationen ergeben, die die Identifikationsfähigkeit ansprechen." Fazit: Mit etwas mehr Konsequenz hätte Warwara auch uns Zuschauer erschießen müssen, um endlich eine neue Kultur zu etablieren. Zumindest die Männer

Oliver Frljić inszeniere die Romanstoffe über lange Zeit "überraschend brav und farblos", berichtet Fabian Wallmeier für rbb|24 (16.9.2019). Nach der Pause aber gewinne der Abend doch noch "konfrontative Schärfe". Mit verschiedenen Wendungen bis hin zur Geschlechterfrage habe Frljić "endlich den Dreh gefunden, um den beiden Stoffen mit seinen typischen Schockmitteln Provokantes und Diskussionswürdiges abzuringen. Schade, dass der Weg zu dieser spannenden, spaßigen letzten Dreiviertelstunde für das Publikum erst einmal durch eindreiviertel Stunden voller Belanglosigkeit führt."


Bühne Igor Pauška
Kostüme Sandra Dekanić
Livemusik Daniel Regenberg
Dramaturgie Johannes Kirsten

© Maxim Gorki Theater
Theater
PREMIERE
15.09.2019   Maxim Gorki Theater
R: Oliver Frljić